Absturz eines RAF Bombers in der Kirschhöfer Gemarkung

v.01.02
2.4.2021
Günther Wiehlmann
Heimat- und Wanderverein Kirschhofen e.V. (HuWV)

Berichten zufolge ist in der Nacht vom 24. zum 25. Februar 1944 ein Britischer Bomber in der Gemarkung Kirschhofen abgestürzt. Menschenleben waren dabei nicht zu beklagen.

Bei Recherchearbeiten zu Bombenangriffen auf Schweinfurt im 2. Weltkrieg ist Norbert Vollmann (NorbertVollmann@t-online.de) 2020 im Internet per Zufall auf meinen Namen gestoßen und hat mich um Details zu einem Absturz eines Bombenflugzeugs gebeten, der in Ortsnähe stattgefunden hat. Ich bin der Meinung, dass die von Herrn Vollmann zusammengetragenen Informationen Ortsansässige interessieren könnte und sie u.U. sogar Daten dazu beitragen können.

Absturzstelle des Flugzeugs

Unfallhergang

Am 24./25. Februar 1944 führten alliierte Kampfflugzeugverbände einen Dreifachangriff (Triple-Strike) auf Schweinfurt, einem Zentrum der Rüstungsindustrie durch. Am Nachmittag fing die US-Luftwaffe an. In der Nacht folgten innerhalb von zwei Stunden zwei weitere Angriffswellen des RAF Bomber Commands:
Das erste Mal gegen 23 Uhr und dann nochmals um 1 Uhr, als alles in Schweinfurt noch am Löschen, Bergen und Aufräumen war. Die in Kirschhofen abgestürzte HX269 war Teil der ersten Welle der Briten.

Details zu den Angriffen der RAF:
[Quelle: http://www.fredtrendle.de/images/pdf/Buchauszug-Februar-1944-Nacht.pdf
© 2020 Fred Trendle https://www.FredTrendle.de%5D

554 Lancaster, 169 Halifax und 11 Mosquitos, zusammen 734 Kampfflugzeuge, bombardieren die Stadt Schweinfurt in Bayern. Zum ersten Mal wendet „Bomber Command“ eine neue Taktik an:
392 Flugzeuge starten in einer ersten Angriffswelle, die zweite Welle mit 342 Bombern greift 2 Stunden später an. Beide Angriffsformationen zusammen verlieren 33 Flugzeuge.

Details zum in Kirschhofen abgestürzten Flugzeug
433. Sqn. (RCAF) / Handley Page Halifax Mk. III / # HX269 / Operation Schweinfurt / [wurde] im Raum Frankfurt von Scheinwerfern (Scheinwerfer-Regt. 119) erfasst – Beschuss durch Flakgruppe Frankfurt / Absturz nahe Kirschhofen, südwestlich Weilburg (Hessen) – Deutschland /
[Kommandant] Flight Sergeant Fielding / 7 Fallschirmabsprung – KG

[Quelle: Norbert Vollmann]
Die HX269 war Teil der 433 (B) Squadron, Royal Canadian Airforce in Skipton-on-Swale, Yorkshire, Nordengland. Das Flugzeugkennzeichen war „BM*J”. Diese Maschine kam vom Angriff auf Schweinfurt am 24./ 25. Februar 1945 nicht zu ihrer Basis zurück. Die gesamte Mannschaft kam in Kriegsgefangenschaft.

[Quelle: Norbert Vollmann; aus kanadischen Quellen zusammengetragen]
Es muss chaotisch an Bord zugegangen sein. Aus nicht näher genannten Gründen war die Crew viel zu spät nach Schweinfurt unterwegs und tuckerte als Einzelflieger umher. Deshalb entschied man noch vor Schweinfurt, die Bomben einfach irgendwo abzuwerfen und „versuchte“ den heimwärts fliegenden Bomberstrom zu finden, um in dessen Schutz nach England zurückzukehren.

Nachdem man wohl um den Kurs gestritten hatte, setzte man Kurs Frankfurt am Main, das man erst dann fand, als man angeblich von einer Suchscheinwerferbatterie erfasst worden sein soll und der man nicht mehr entkam.

Der Pilot ging in den Sturzflug und fing den Bomber wieder ab, wurde aber nach seiner Aussage weiterhin angestrahlt. Nun schoss die Flak auf den Bomber. Das zweite Abtauchen soll der Halifax-Bomber mit Steuerungsausfall quittiert haben. Der Pilot konnte sie angeblich nicht mehr hochziehen oder halten, also gab er den Befehl zum Ausstieg. Seitens der Besatzung war es unklar, ob die Beschädigung durch den Flakbeschuss herrührte, man stieg einfach aus … irgendwo im Großraum Frankfurt.
Die Uhrzeit soll 21.25 Uhr gewesen sein, wobei die Maschine definitiv um 18.23 Uhr in England gestartet ist.

Es soll aber auch eine ungefähre Zeit von 23.25 Uhr irgendwo vermerkt sein.

Dann heißt es wieder (aus kanadischer Quelle), dass die HX269 um 23.03 Uhr von der Flak „Kirschhofen“ als beschossen und zum Absturz gebracht beansprucht wird.

Der Pilot sagt, er sei in Frankfurt festgenommen worden, ein anderes Besatzungsmitglied sagt, er sein in Wilhelmsberg oder Wilhelmsburg gefasst worden und ein dritter spricht von Limberg. Limberg könnte Limburg an der Lahn sein, Wilhelmsberg eventuell Weilburg oder Wilhelmsdorf

Demnach müsste die Maschine irgendwo nördlich von Frankfurt abgestürzt sein.

Offiziell heißt es:
[“Outbound at 20,000 feet near Frankfurt, became „coned“ by searchlights. Control was lost whilst taking severe evasive action. Crash-site not established.” Unten in freier Übersetzung:]

„Aus der Nähe von Frankfurt in 6100m Höhe abfliegend wurde das Flugzeug im Flak-Scheinwerferkegel gefangen. Bei schweren Ausweichmaßnahmen ging die Kontrolle über das Flugzeug verloren. Die Absturzstelle wurde nicht beschrieben”.

[Quelle: Jörg Helbig an NorbertVollmann@t-online.de]
Eine ganz vertrackte Geschichte, die einzelnen Besatzungsmitglieder schienen untereinander zerstritten zu sein. Bei ihren Aussagen gab es keinerlei Übereinstimmung zu den Sachverhalten [soweit Jörg Helbig sich erinnert].

Angaben zu den Orten, in denen einige der Besatzungsmitglieder gefasst wurden, hat Jörg Helbig von seiner Quelle [Richard] nicht bekommen. Den gesamten Umfang der Kriegsgefangenenprotokolle (POW Reports) hat er mir nicht durchgegeben.

Wie man sieht und soweit das drinsteht gab er nur an: „Flak Frankfurt/Main“ und „crashed in the vicinity of Frankfurt“, also gibt es keine expliziten Ortsangaben.

Die Angabe „Flak Kirschhofen“ ist nicht von Koval [vermutlich ein Autor von Drittliteratur], die fand sich auf der mir von Winfried Bock zugestellten Abschussliste des OKW/OKL [Oberkommando der Wehrmacht/ ~ der Luftwaffe]für diese Nacht. Die hierin benannten Flakabteilungen sind eindeutig Frankfurter Herkunft. Die kenne ich von anderen Raids [Überraschungsangriffen] her. Dazu kommt, dass es nur einen Flakclaim –Kirschhofen- gibt, der zu einem Absturz im Raum Frankfurt passt.

Also würde ich sagen, der Ort des Aufschlages ist bei Kirschhofen zu suchen, dort wurde sie „abgeschossen“. Wie weit die Halifax dann noch kam, ist unklar. Man bedenke dabei, alle Besatzungsmitglieder sprangen zwar ab, aber die Steuerung funktionierte nicht mehr –blockiert-, so dass theoretisch eine stabile Fluglage nur begrenzt hergestellt werden konnte. Und das auch nur solange, bis alle ausgestiegen waren. Dann ist die Maschine abgekippt und danach aufgeschlagen. Da sie „leer“ war, wird sie auch kaum einen Eindruck bei der ortsansässigen Bevölkerung hinterlassen haben. Detailinformation über solche Maschinen geht zumeist verloren.

Allerdings wurden Teile des Flugzeugs von der kirschhöfer Bevölkerung verwendet, um die in der Kriegs- und Nachkriegszeit herrschende Materialknappheit zu bekämpfen. So wurde ein Wrackteil als Boot verwendet und Teile der Flugzeugreifen als Schuhsohlen genutzt.

Besatzung

Halifax HX269  BM-M of 433 Squadron

F/S G. F. FieldingRCAF[8]PoWGefangen in Frankfurt/ Main
Sgt J. Cowen PoW 
Sgt J. J. MulvaneyRCAFPoW 
P/O I. S. J. B. ThomasRCAFPoW 
Sgt H. Whitt PoWGefangen in Limburg
Sgt J. D. McAnultyRCAFPoWGefangen in Wilhelmsburg
Sgt E. J. Wood PoW 
Crewliste

RCAF=Royal Canadian Air Force
Limburg wurde als Limberg dokumentiert

Flugzeug und technische Daten

Halifax III HX269

Halifax III HX269
Technische Daten

© Heimat© Heimat- und Wanderverein Kirschhofen e.V. 2021
Günther Wiehlmann am 2.4.2021


Ein Kommentar zu “Absturz eines RAF Bombers in der Kirschhöfer Gemarkung

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