Mein Heimatdorf Kirschhofen

von Dieter Kerbl 1984

Postkarte, vermutlich von vor 1984

Kirschhofen wird 1450 zum erstenmal in der Geschichte der Stadt Weilburg in Verbindung mit dem Scheuernberger Hof genannt. Doch sind Urkunden vorhanden, die bezeugen, daß es schon Jahrhunderte früher bestand. Sein Name deutet auf die fränkische Zeit. Der Ursprung war ein Hof (fränkische Hube). Darum heißt es auch in alten Urkunden Kirschhuben. Noch heute ist dieser erste Hof im Dorfbild zu erkennen. Es sind die Anwesen des Bäckers Scheu und Albert Wern. Auch die Anlage dieser Gebäude ist fränkischer Bauart.

Eine Karte aus dem Jahr 1786 zeigt, daß das Dorf nur wenige Häuser hatte. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-48) hat unser Dorf schwer unter Plünderung und Brandschaden gelitten. Nach dem Westfälischen Frieden (1648) wohnten hier nur sieben Familien. Die Chronik des Kirchenbuches nennt 1646 folgende Familiennamen: Nies, Barth, Göbel, Schlicht, Picker, Kiefer und Muhl.

Erst um 1800 setzte eine neue Bauperiode ein. Damals entstanden die Untergasse, ein Teil der Hintergasse und der Schulberg. 1850-60 wurden viele Häuser von der Firma Wimpf (Guntersau) aus gestampfter Erde gebaut.

Eine dritte Bauperiode war nach dem ersten Weltkrieg in den Jahren 1924-30. Damals entstanden der Neue Weg und die Wingertstraße.

Die vorläufig letzte Bauperiode in der Geschichte Kirschhofens war nach dem zweiten Weltkrieg in den Jahren 1950-58. In dieser Zeit wurde der Roßstein bebaut.

Die Bewohner Kirschhofens waren ursprünglich Bauern, Leineweber, Schmiede- und Zimmerleute. Zwei alte Grabsteine aus dem Jahre 1695 zeigen die Wahrzeichen zweier Handwerkszweige:

Friedhofeingang: Leineweberschiffchen
Friedhofseingang: Schmiedehammer und Schürhaken

Um 1800 gab es Schiffer und Berufsfischer. Verschiedene Familien [be]trieben das Mühlenbauhandwerk, was aus den Stammbäumen und Ahnentafeln zu ersehen ist.

Heute arbeiten die Bewohner in Weilburg, Gräveneck, Gaudernbach, Albshausen, Grävenwiesbach und Wetzlar. In Weilburg arbeiten sie auf Büros, Handwerksbetrieben, Eisenbahn, Post und in Verkaufsstellen. In Gaudernbach, in der Firma Grill, dieRadiogehäuse herstellt. Viele arbeiten in Gräveneck auf der Grube „Georg-Josef“. In Albshausen sind viele bei der Firma Kling, die Kugellager und sonstige feinmechanische Dinge erzeugt, beschäftigt. Die meisten Männer jedoch arbeiten in Wetzlar in den Betrieben Leitz, Röchling, Buderus, Hensoldt und in Handwerksbetrieben als Maurer, Elektriker, Anstreicher, Schreiner und Schlosser. Die Frauen gehen nach Weilburg als Verkäuferinnen, in die Firma Hultsch und manche als Reinemachefrauen.

Der Wohlstand der Bevölkerung ist in den letzten zehn Jahren gewaltig gestiegen. Auf dem Roßstein entstand in 5 Jahren ein neues Wohnviertel mit 17 Häusern.

Die neue Siedlung mit 17 neuen Bauten am Roßstein

Innerhalb des Dorfes wurden noch viele Häuser umgebaut oder neu verputzt. Vier modern eingerichtete Verkaufsstellen bieten den 720 Einwohnern des Dorfes genug Einkaufsmöglichkeiten in Lebensmittel, Textilien und sonstigen Krämerwaren. Vor 5 Jahren gab es 4 Autos und ca 20 Motorräder. Heute gibt es 20 Autos ca 70 Motorräder und 12 Fernsehgeräte! Heute wird für soziales Leben mehr Geld ausgegeben, so gehen viele Einwohner die kein Fernsehgerät besitzen, öfters in eine der zwei Gastwirtschaften, oder viele gehen zu Vereinszusammentreffen.

In Kirschhofen gibt es 3 Vereine. Der stärkste an Mitgliedern ist der Sportverein mit 110, weiter folgt die Feuerwehr mit 77 und der Gesangverein mit 66 Mitgliedern. Außerdem gibt es den VDK, die ev. Frauenhilfe und sozial-politische Zusammenschlüsse einzelner Parteien.

Noch vor einem Jahr befinden sich das Bürgermeisteramt und die Lehrerwohnung in der alten Schule. Als der Lehrer Langschied in sein Eigenheim zog wurde das Gebäude zu einem Gemeindesaal, zu einem modernen Bürgermeisteramt und Abstellräumen eingerichtet. Auch die Gemeindebücherei, die sich vorher in der neuen Schule befand, wurde in die alte Schule verlegt. Der Gemeindesaal dient heute für Lichtbildervorträge, Versammlungen der Gemeindeverwaltung und der Frauenhilfe [sowie] für Gottesdienste beider Konfessionen.

Alte Schule: Zeichnung von D. Boger

1923 wurde ohne bauliche Erlaubnis das Ehrenmal für die Toten des 1. Weltkrieges errichtet.

Um den Gefallenen und Vermißten des 2. Weltkrieges eine Gedenkstätte zu errichten und auch aus Verkehrsgründen (Straßenerweiterung, elektrische Leitung über dem Denkmal) wurde in einer Bürgerversammlung 1956 eine Umlegung des Denkmals besprochen und in der nächsten Bürgerversammlung beschlossen. So wurde die Planung eines neuen Denkmals in Auftrag gegeben. Herr Maurermeister Wilhelm Erle aus Kirschhofen fertigte den Plan an. Die Vorbereitungsaufgaben wurden von ehrenamtlichen Stellen ausgeführt, der Aufbau selbst von den Maurern Willi Deuster und Ernst Bechtel, die Plattenarbeit wurde von der ansässigen Firma Karl Weil und Gießerei Rinker in Sinn ausgeführt. – Die Enthüllung des Denkmals fand am 16. November (Volkstrauertag) unter Beteiligung der gesamten Einwohnerschaft statt. – Die Finanzierung war sichergestellt durch eine Spendeaktion der Einwohner, die 1700,- DM einbrachte, der Rest wurde von der Gemeinde zugelegt.

Das neue Denkmal auf dem Friedhof

Bis zum Jahre 1900 gab es in Kirschhofen nur 3 Wasserstellen, die 1. am jetzigen Gemeindehaus die 2. an der Ecke Friedrichstraße (68) – Erbsengasse und die 3. war im Hause Fridolin Saam (Hauptstraße 45).

1900-1903 wurde 200m östlich vom Scheuernbergerkopf ein etwa 10m tiefer Schacht getrieben und auf diese Tiefe ein 20m langer Stollen in Richtung zum Hang. Das Wasser wurde in Rohre gefaßt und ohne Hochbehälter in das Ortsnetz gedrückt. 1909 wurde das Ortsnetz vollständig ausgebaut.

Das so gewonnene Wasser war zwar mengenmäßig ausreichend, jedoch stark eisenhaltig, sodaß man ab 1910 wieder nach neuen Wassermöglichkeiten suchen mußte. So baute man 1911-13 den Hochbehälter am Wingert mit zwei Kammern von je 35m³ Inhalt. 1916 wurde am Born ein kleiner Schacht mit langem Stollen getrieben, der Wasser bringen sollte, aber diese Bemühungen hatten geringen Erfolg. 1955 wurde dieser Stollen vom Ortsnetz getrennt, weil das Wasser in Folge der Feldbestellung auf Grund einer chemischen Untersuchung nicht mehr als einwandfrei erklärt wurde. 1911 hatte man in der „faulen Höll“ einen 8m tiefen Schacht in Rotschieferfelsen getrieben, dies ergab einwandfreies Wasser. Es wird noch heute und in Zukunft verwertet.

Da alle bisherigen Bohrungen nicht ganz befriedigten, teufte man 1919-20 auf dem heutigen Sportplatz einen Schacht bis auf die Höhe des Lahnspiegels. Jedoch war der Einbruch von Lahnwasser so stark, daß die Arbeit aufgegeben werden mußte.

1924-25 teufte man auf der Halde. Die Arbeiten wurden durch einen Bürgermeisterwechsel abgebrochen und erst 1929 fortgesetzt (bis auf die heutige Tiefe von 14,5m). Durch Errichtung einer Pumpstation erreichte man die Sicherstellung des Gebrauchwassers für 510 Einwohner des Dorfes.

1946 ergaben sich bei dem Zustrom von 250 Flüchtlingen und Evakuierten neue Wassersorgen. Während des 2. Weltkrieges waren Schacht und Stollen am Scheuernberger Kopf zugeschüttet und die gesamte Leitung herausgerissen worden. Bereits 1950 befaßte sich die Gemeindevertretung erneut mit dem Problem der Wasserversorgung, man mußte es aber wegen Kanal- und Straßenbauten zurückstellen.

1954 ließ man von einm Geologen ein Gutachten über die endgültige Sicherstellung der Wasserversorgung herstellen. Es wurde ein Tiefbohrung auf dem Grundstück Deuster auf der Halde vorgeschlagen. Die Finanzierung sollte durch eine Sonderholzfällung gesichert werden. Dies wurde aber abgelehnt. So kam dieser Plan damals nicht zur Ausführung. Gezwungen durch die ständig wachsende Wassernot infolge des Ausbaus auf Roßstein und Wingert wurde 57/ 58 ein neues Gutachten hergestellt. Diesmal wurden 2 Vorschläge gemacht:

1. Tiefbohrung auf Grundstück Deuster;

2. Erfassung von Übertagewasser vom Scheuernbergerkopf mit Enteisungsanlage.

Der 1. Vorschlag wurde ausgeführt, da jetzt die Finanzierung durch eine Sonderholzfällung gesichert wurde und durch Aufnahme einer Hypothek. – Die Tiefbohrung führte die Firma Etschel und Meyer von Hof in der Zeit von Juli bis September 1958 durch. Die Tiefe der Bohrung beträgt 50m. Wasser ohne Eisen und Kohlensäure gibt es in großen Mengen ab 34,5m. Die neue Quelle liefert 20l in der Sekunde. Dieses Wasservorkommen ist das größte, das je im Lahnbecken gefunden wurde. Die Bohrung zeigte: bis 8m liegt angeschwemmter Sand, bis 50m liegen verschiedene Arten von Schiefer und Quarzeinlagen. Über dem Schacht wird ein Schachtkopf (Brunnenkopf) gebaut und in der Nähe ein neues Pumpwerk errichtet.

Die bisherige Pumpstation auf der Halde bleibt, wird aber nicht weiter benutzt.

Ein neuer Hochbehälter wird „am Born“ mit 2 Kammern von je 120m³ Fassungsvermögen errichtet.  

Die Gemarkung Kirschhofen ist 280ha groß, davon entfallen auf das Dorf 12ha, auf den Wald 130ha, auf den Acker 94ha und auf die Wiesen 44ha.

In der Gemarkung Kirschhofen liegt der Scheuernbergerkopf. Er trägt auf seinem Gipfel einen uralten Hof, der heute von einem Förster bewirtschaftet wird. In der Nähe des Hofes liegen die Reste von einer alten Fliehburg aus der Keltenzeit. Zwei Abschnittswälle lassen noch heute ihre genaue Lage erkennen.

Noch viele Flurnamen wie „faule Höll“, „Dell“ und „eisernes Stück“ zählen alle zur Gemarkung Kirschhofen.

Ein Flurname in unserer Gemarkung deutet auf eine Siedlung hin, die nach dem Dreißigjährigen Krieg ausgegangen ist. Sie heißt „Siegelbach“. Die Sage erzählt folgendes:

Es war an einem hohen Festtag vor vielen hundert Jahren. Die Bewohner des Dorfes Sichelbach – Männer, Frauen und Kinder waren alle zum Gottesdienst in die Kirche nach Weilburg gegangen. Nur eine alte Großmutter war im Dorf zurückgeblieben. Da stieß plötzlich eine Zigeunerbande in das menschenleere Dorf. Sie schlugen Türen und Fenster ein und nahmen mit, was ihnen gefiel. Der alten Großmutter taten die Räuber zwar nichts zuleide, sie ließen sie aber einen Eid schwören, daß sie keinem Menschen je etwas von dieser Freveltaterzählen würde. Dann steckten sie die Häuser in Brand und bald stand das ganze Dorf in Flammen. Die Großmutter aber lief, so gut und schnell sie konnte, in die Kirche nach Weilburg. Unter Aufbietung ihrer letzten Kraft schleppte sie sich an eine Säule, umfaßte sie und rief: „Säule, Säule, Sichelbach brennt. Die Zigeuner haben’s angesteckt““ Nun eilten die Sichelbächer nach Hause und fanden ihre Heimstätten in Schutt und Asche. – Sichelbach wurde nie wieder aufgebaut. Die „Gräfin von der Eck“ gab den Bewohnern die Erlaubnis, ihre Wohnhäuser rund um die Burg zu bauen. Die neue Ansiedlung erhielt später den Namen Gräveneck.

Zwei Gedichte, die ich schon in der Schule lernte, werde ich nicht so schnell vergessen:

De Spuck in de Sichelbach

von Albert Picker

Es koom e Mann vo Gräveneck
So voll we siwe Maltersäck.
Un wuher hot de Mann den Klaps?
Vom ville Schworteberger Schnaps.

Wann aich nit su besoffe wär,
Su saate, ging aich unne her.
Aich hun e bißche vill em Dach,
Drum mach aich durch die Sichelbach.

Doch wie e do de Grove kimmt,
Wu sich de Weg gehirig krimmt,
Do fährt e Schreck em en die Baa:
In Weilburg däht’s do 12 grod schlaa.

Un o ze laafe fing he do
Herrgott, de Eselsmann kimmt jo!
Sei Huse worn so hort gefrun wie Staa
Un hon em alsfurt ge die Schouh geschlaa.
Dat gung do immer: klapp, klapp, klapp
Un hur sich o wie Eselstraf.

Do fehl em en sie ganze Sinn,
E läuft wie doll durch dick und dinn.
Doch wu he lääft geht’s klapp, klapp, klapp
Dicht hinnerm kimmt de Eselstrap.

Ihr leiwe Heilige, helft mer doch,
Da schlaaft meich jo ens Hueloch
E rennt und focht grod wie e Hund,
Sei Hout wor fortgefluhe schunt.

Do krisch e laut: Du leiwer Gott,
Verlaß mich nit in meiner Not!
Laß mich nur diesmal net allei
Ich trenk aach nie mehr Branntewei.

Des trabt und treibt un mächt nit halt,
Du leiwer Gott, der mächt mich kalt!
Oh Gottche, strof mich net en Zurn,
Aich hun jo schon mei Schouh verlun.

Un ohne Schouh gings weirer schnell,
Vom Sprenge-Grawe durch die Dell
E wor noch net om „Eisern Steck“,
Do fluhera em aach die Strimp eweg.

Un unnig Rehns ihrem Acker her,
Do fiel wie dud he off thi Eer.
Un wie e wirrer zou sich kom
Do woorn die Baa em grod wie lohm.

Die Leut, die hun en haamgelaat
Do horre seiner Fraa gesaat:
„Gott Fraa was mir heut Nocht bassiert
De Spuck hot mich vom Suff kuriert!“

Ein anderes Gedicht über das Dorf Sichelbach lautet:

In meiner Heimat geht eine Sage
Vom Dorf, das Sichelbach genannt,
Das schon vor Tausenden von Jahren
Bis auf den Boden abgebrannt.

Großvater zeigte mir die Stelle,
Wo es gestanden haben soll,
Nicht weit von eines Bächleins Quelle
Komm mit! Ich kenn den Berghang wohl.

Doch wie man sucht und lauscht
Man findet nimmer eine Spur
Rings heimlich hoher Buchenwald rauschet
Und leis das Bächlein plätschert nur.

Sonst herrscht am Tage tiefes Schweigen
Und nichts Lebendges regt sich hier
Kein Vogel singt in den Gezweigen
Ein unheimlich und tot Revier.

Doch nachts um 12 hört man ein Stöhnen
Dumpf, qualvoll wie aus tiefem Grab
Und dann ein fernes Hufschlagdröhnen
Schallt schaurig durch die Schlucht hinab.

Und nach des Baches Sichelwendung
Schnell wieder aufwärts geht der Trab.
Hoch von der Quelle bis hinab zur Mündung
Und wieder auf und ab.

So geht’s die ganze Geisterstunde
Dann noch ein schauerlicher Schrei
Und stille wird’s in weiter Runde
Der Spuck ist nun für heut vorbei.

Auf seinem Esel muß hier traben
Allmählich bis zum jüngsten Tag
Der Frevler, der vor vielen Jahren
In Brand gesteckt Dorf Sichelbach.

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